Wie holt man das Maximum aus seinen Hörgeräten?

Wie holt man das Maximum aus seinen Hörgeräten?

Wie holt man das Maximum aus seinen Hörgeräten heraus?

Besser verstehen statt nur mehr hören

Ein Tipp von Kevin Oppel, Hörakustiker und Experte rund ums bessere Verstehen

Sie tragen Hörgeräte und haben das Gefühl „Da muss doch noch was gehen“? Den Anspruch, das Maximum aus Ihren Hörgeräten herauszuholen? Das zeugt von Ehrgeiz und ist eine der besten Voraussetzungen – Ihr Gehör kann nämlich trainiert werden. So viel schon vorab. Was Sie nicht wissen, ist, wo das Maximum liegt beziehungsweise ob es eventuell doch schon erreicht ist? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Einerseits ergeht es vielen anderen Hörgeräteträgern genau wie Ihnen. Und andererseits gibt es Leute wie mich, die Sie bei der Entdeckung Ihres Hörpotentials gerne unterstützen.

Subjektives und objektives Maximum

Die Basis bildet Ihre ganz persönliche Definition von „Maximum“. Diese Einordnung ist subjektiv, getrieben von verschiedenen bewussten sowie unterbewussten Faktoren und bedarf einer Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der ganz persönlichen Erwartungshaltung: „Welche Ansprüche habe ich und sind diese zu meiner vollsten Zufriedenheit durch die Hörgeräteversorgung erfüllt?“ Oftmals ist es aber so, dass das subjektive Maximum weit unter dem liegt, was mit einer Hörgeräteversorgung erreicht werden könnte. Dafür braucht es Experten, die Orientierung bieten und das objektive Maximum bewerten können.

Erwartungen und der Ruf nach der „eierlegenden Wollmilchsau“

Die Liste verschiedenster Anforderungen, Erwartungen und Ansprüche heutiger Hörgeräteträger ist lang: Ein ganztägiges bequemes Tragen steht bei vielen ganz oben. Einen Punkt, den ich sofort unterschreibe – denn nur wenn die Hörhilfen den ganzen Tag im Ohr bleiben, kann das Gehör (in Verbindung mit gezieltem Training) überhaupt lernen, damit richtig umzugehen. Außerdem wünschen sich viele möglichst unsichtbare Geräte. Ein optimales Sprachverstehen in Ruhe und bei Störgeräuschen, am besten ohne unerwünschte hörbare Nebengeräusche. Weiter eine natürliche Klangqualität sowie umfangreiche Einstellmöglichkeiten auf den individuellen Hörverlust. Und nicht zuletzt eine einfache Handhabung. Allesamt für sich nachvollziehbare Ansprüche und Erwartungen, alle miteinander der Ruf nach der bekannten „eierlegenden Wollmilchsau“. Ob Hörgeräte alleine das wirklich alles leisten können?

Vom Hören und Verstehen

Betrachtet man Hören und Verstehen physiologisch, lautet die Antwort klar „Nein“. Warum? Die Ohren sind für das Hören zuständig, das Verstehen ist Aufgabe des Gehirns. Hörgeräte sorgen lediglich dafür, dass alles Gehörte wieder in korrekter Lautstärke überhaupt bis zum Gehirn weitergeleitet wird. Das Gehirn interpretiert das Gehörte, gibt ihm einen Sinn und ermöglicht das Verstehen. Hörgeräte gleichen demnach nur das Defizit der Ohren aus, nicht das Defizit des Gehirns. Oder anders gesagt: Hörgeräte sind keine Verstehgeräte! „Aber“ gerade deshalb ist es bei einer Erstversorgung mit Hörgeräten grundlegend, ein Hörtraining mit in die Hörgeräteanpassung einzubeziehen. Weil nicht die Ohren oder die Hörgeräte Schwierigkeiten verursachen beziehungsweise das genannte Maximum festlegen, sondern das Gehirn.

Verstehen trainieren

Hat das Gehirn als verarbeitender Teil unseres Gehörs seit längerem keine einwandfreien Signale mehr von den Ohren bekommen, hat es verlernt, wie verschiedene Geräusche klingen. Man spricht auch von einer sogenannten Hörentwöhnung. Vielleicht kennen Sie es aus eigener Erfahrung: Beim ersten Einsetzen von Hörgeräten ist alles erstmal laut oder viel. Das Gehirn muss wieder lernen, wie bestimmte Geräusche klingen und, um eine akustische Reizüberflutung zu vermeiden, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Gezieltes Hörtraining und Übungseinheiten bilden daher den Hauptbestandteil einer bestmöglichen, weil ganzheitlichen, Gehör-Rehabilitation.

Die Hörfilter auf dem Weg zum persönlichen Maximum

Um Wichtiges (z. B. Telefonklingen) von Unwichtigem (z. B. die eigenen Körpergeräusche) herauszufiltern, sitzen in unserem Gehirn sogenannte Hörfilter. Sie sind essentiell für das menschliche Hör- und vor allem Versteh-Erleben. Bei einem Hörverlust leiden diese Hörfilter und werden zurückgebildet. Deshalb hören Schwerhörige auch alle Geräusche gleichermaßen gut – beziehungsweise eben schlecht. Das Gehirn versucht so, das Defizit der Ohren zu kompensieren indem einfach alles Gehörte weitergeleitet wird, ohne zu unterscheiden was wichtig oder unwichtig ist. Da wird aus einer geselligen Runde dann schonmal mehr Frust als Lust. Für eine gute Hörgeräteversorgung ist es deshalb von grundlegender Bedeutung, den Hörverlust ganzheitlich zu versorgen und die Hörfilter im Gehirn für ein besseres Verstehen selbst bei Nebengeräuschen zu reaktivieren. Erfahrungsgemäß werden dadurch sowohl der Nutzen als auch die technischen Raffinessen von Hörgeräten für den Betroffenen erst in vollem Maß zugänglich. Und somit das persönliche Maximum hör- beziehungsweise erlebbar!

Kevin Oppel

lebt als gelernter Hörakustiker und Diplom-Betriebswirt (FH) seit fast 15 Jahren den praktischen und wissenschaftlichen Austausch zum Thema Hören, Tinnitus und ganzheitlicher Gehörrehabilitation. Sein Credo: „(Dazuge-)Hören ist Lebensqualität!“ Sein Weg dorthin: Methodische Herangehensweise und jede Menge Erfahrungen aus der Praxis.

Masken – Segen für die Gesundheit, Übel zum Verstehen

Masken – Segen für die Gesundheit, Übel zum Verstehen

Fehlendes Mundbild in der Kommunikation

Wir machen es nicht bewusst, aber dennoch nehmen wir kontinuierlich die Gesichtsregungen unseres Gesprächsgegenübers auf – und bewerten diese. Bedecken wir große Teile des Gesichts, etwa wie beim Gebrauch einer Mund-Nasen-Bedeckung, sehen wir nur noch die Augen und nahezu alle weiteren Gesichtsregungen, die unsere Mimik ausmachen und Emotionen transportieren, entfallen. Es wird ungleich schwieriger, sein Gegenüber dann zu verstehen und einzuschätzen.

Corona hat das Leben aller Menschen auf verschiedenste Weise beeinflusst und auf den Kopf gestellt – und stellt es noch immer. Soziale Bedürfnisse, wie der Wunsch nach Kommunikation, Kontakt und Gemeinschaft, wurden zum Schutz aller im Frühjahr auf ein Minimum heruntergefahren: Social distancing – eine ganz besondere, bislang ungekannte Herausforderung. Abstandsregeln sowie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in öffentlichen Räumen stellen uns vor Herausforderungen, die den meisten bisher vielleicht gar nicht bewusst waren: Denn unsere Kommunikation wird durch die Maske massiv erschwert.

Lippenbild für funktionierende Kommunikation
Für Menschen mit Hördefizit äußert sich das fehlende Mundbild besonders drastisch – es wird fast unmöglich, den anderen zu verstehen. Hörgeschädigte sind auf das Lippenbild angewiesen – unabhängig davon, ob sie bereits mit Hörgeräten versorgt sind oder (noch) nicht. Für sie verändert sich das soziale Leben und Miteinander durch die Maskenpflicht demnach noch viel tiefgreifender als für „normal Hörende“. Und: Ihre Kommunikation wird zusätzlich erschwert. Nach einigen Wochen fanden sich vereinzelt Masken mit Sichtfenster im Mundbereich – eine Erleichterung, aber längst keine nachhaltige Lösung (für Menschen mit behandelbarer Hörminderung).

Dämpfung um fast 12 dB durch FFP2-Maske
Eine kürzlich publizierte Studie [1] zeigt, dass eine Maske wie ein Sprachfilter wirkt: Töne und Sprache werden beeinträchtigt, das Hören und Verstehen komplexer bis unmöglich. Eine herkömmliche medizinische Maske reduziert die hohen Frequenzen (2 kHz bis 7 kHz) um 3 bis 4 Dezibel (dB), eine N95- bzw. FFP2-Maske sogar um fast 12 dB – das entspricht ungefähr dem Rascheln von trockenem Laub, durch das man läuft. Die in vielen Geschäften als ergänzende Schutzmaßnahme aufgestellten Plexiglaswände minimieren das Hören und Verstehen durch die Schalldämpfung zusätzlich.

Für den einen Hürde, für den anderen Vorwand?
Für Schwerhörige stellen diese Maßnahmen eine hohe Hürde in ihrer täglichen Kommunikationsfähigkeit dar. Für manch anderen mag es den idealen Vorwand bieten, sein eigenes schlechtes Hören zu rechtfertigen – wer gibt schon gerne zu, dass er nicht mehr gut hört?

Tabu Schwerhörigkeit?
Schwerhörigkeit wird auch in unserer modernen Gesellschaft noch immer tabuisiert oder stigmatisiert. Ein möglicher Ursprung dafür lässt sich im Sprachlichen finden: Das Wort „taub“ entstammt dem althochdeutschen Wort „tumb“. Wer schwer hört, sei also dumm.

Und tatsächlich lässt sich ein Hörverlust noch relativ lange nach Bemerken/Auftreten kompensieren, indem Betroffene zur Unterstützung des Verstehens das Mundbild lesen. Mit einem Schlag – Corona – entfällt dieses Kompensationsmittel komplett.

Ursachensuche – Maske oder Gehör?
Liegt das schlechte Verstehen nun wirklich an den schalldämpfenden Masken und Plexiglaswänden? Im Fall von Unsicherheit empfiehlt sich eine Überprüfung des Gehörs durch HNO-Arzt und/oder Hörakustiker. Der geht der Ursache – Masken und Plexiglaswände oder doch ein nachlassendes Gehör – auf den Grund und schafft Gewissheit. Stellt sich ein nachlassendes Gehör als Ursache heraus, helfen Hörgeräte, um die vorhandenen Defizite auszugleichen und trotz Maskenpflicht wieder eine gut funktionierende und freudvolle Kommunikation möglich zu machen.

Hörgeräteträger, die unter den Corona-Bedingungen Schwierigkeiten haben, sollten ihre Hörgeräteeinstellung überprüfen und gegebenenfalls anpassen lassen.

Aufgehorcht: Ohr= Hören, Gehirn = Verstehen
Hörgeräte versorgen nur die Schädigung der Ohren, also das Hören. Für das Verstehen ist aber das Gehirn zuständig. Und dieses muss für ein wirklich zufriedenstellendes Ergebnis unbedingt durch ein in die Hörgeräteversorgung eingebundenes Hörtraining mitversorgt werden. Achten Sie nach Möglichkeit bereits vor Besuch eines Akustikers darauf, dass begleitend zur Hörgeräteversorgung ein Hörtraining als konzeptioneller Bestandteil angeboten und durchgeführt wird. Dann steht einer freudvollen Kommunikation (fast) nichts mehr im Wege.

[1] Goldin A, Weinstein BE, Shiman N. How do medical masks degrade speech perception? Hearing Review. 2020;27(5):8-9.