Kaffee, Tee und (Hör-)Genuss

Kaffee, Tee und (Hör-)Genuss

Kaffee, Tee und (Hör-)Genuss

Die Zubereitung macht’s!

von Kevin Oppel, Hörakustiker und Experte rund ums bessere Verstehen *

Sie spaltet die Gesellschaft, die Frage nach: Kaffee oder Tee? Die einen schwören auf Kaffee, früh, mittags, abends. Andere wiederum bevorzugen Tee – alleine zwischen Schwarz- und Grüntee-Trinkern können kleine Glaubenskriege entstehen.

Einigen wir uns ohne größere Umwege darauf: Die Entscheidung, ob Tee oder Kaffee – pur, mit Milch, Zucker, Sirup, Zitrone oder Schuss – ist und bleibt Geschmackssache. Was beide, Tee und Kaffee, eint, ist der Weg zum perfekten Genuss. Und natürlich, auch der ist individuell. Die Bohne oder die Teeblätter liefern die Grundlage, ihr Geschmack wird sich ohne die richtige Zubereitung und ohne die Vorlieben des Trinkers zu kennen nicht wie gewünscht entfalten können. Wassertemperatur, schnelles oder langsames Aufbrühen, langes oder kurzes Ziehen beziehungsweise Filtern – eine Kaffeebohne oder ein Teeblatt und eine Kanne Wasser machen schließlich noch lange kein wohlschmeckendes Heißgetränk. Da gehört weit mehr dazu …

Nun bin ich kein Barista oder Tee-Kenner, obgleich ich mich hier bekenne: Ich greife liebend gern zu einer Tasse Kaffee. Besonders morgens für den ersten Kick nach dem Aufstehen oder am Nachmittag als kleiner Seelenschmeichler. Ich bin Hörakustiker und erkenne eindeutige Parallelen zwischen Kaffee-, Tee- und dem absoluten Hörgenuss.

Zunächst steht die Wahl zwischen Kaffee und Tee. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kaffee oder Tee? Waren Sie auch ratlos, ob der vielen Marken und Geschmacksrichtungen, die in den Regalen der Geschäfte stehen? Welche schmeckt mir persönlich wohl am besten?? Und trinke ich dann mit oder ohne Zucker? Vielleicht haben Sie sich zunächst an den Trinkgewohnheiten Ihrer Eltern, Freunde oder Kollegen orientiert? Erst mit der Zeit findet jeder seine ganz eigenen Vorlieben. Wenn ich Menschen mit Hörminderung berate, beginnt das ganz ähnlich: Kaffee oder Tee entspricht dann der Vielfalt an Hörgeräte-Marken und -Bauformen: HdO, also Hinter-dem-Ohr-Geräte oder Im-Ohr-Geräte IdO, Betrieb mit Akku oder Batterie, kompakt, klein, noch kleiner? Alle haben ihre spezifischen Vorteile und die Entscheidung ist neben dem audiologischen Bedarf auch eine Frage des persönlichen (Hör-)Geschmacks. Und selbst wer weiß, was ihm „schmeckt“, hat noch lange keine Garantie dafür, dass das Ergebnis, das Endprodukt, der Genuss, wirklich wie erwartet ausfällt. Auch Kaffee mit Milch und Zucker kann tausendfach anders geraten, obwohl es doch immer das vermeintlich Gleiche ist.

Übertragen auf die Hörakustik bedeutet das: Hörgeschmack ist hoch individuell. Unterschiedliche Lebens- und Hörsituationen erfordern unterschiedliche Maßnahmen. Eine Bedarfsanalyse ist notwendig, um klare (Hör-)Ziele zu definieren, auf die Akustiker und Kunde dann gemeinsam hinarbeiten.

Was ist also meinem Kunden wichtig? Neben grundlegen Entscheidungen zur Optik und dem Funktionsumfang der Hörgeräte lege ich als Akustiker meinen Fokus vor allem darauf, wo die größten (Hör-)Schwierigkeiten liegen, die gelöst werden sollen. Nur wenn ich das weiß, kann ich den Kunden gezielt beraten, ob und inwieweit diese Schwierigkeiten durch eine Hörgeräteversorgung zufriedenstellend gelöst werden können. Transparenz und Ehrlichkeit sind das A und O einer vertrauensvollen Zusammenarbeit, denn: Eine Hörgeräteversorgung kann nur im Team zwischen Betroffenem und Akustiker gut gelingen.

Zum transparenten Vorgehen gehört, dass Kunde und Akustiker vorab gemeinsam klare Hörziele definieren. Wichtig: Die Ziele müssen für beide Seiten nachvollziehbar und überprüfbar sein – nur dann können Betroffener und Akustiker den Erfolg der Hörgeräteversorgung am Ende richtig bewerten. Auf unser Kaffeebeispiel gemünzt: Ist der Kaffee wirklich so zubereitet worden, wie er mir am besten schmeckt? Oder war es zu viel oder gar zu wenig von der Bohne, der Kaffee zu stark oder zu schwach? Um den subjektiven (Hör-)Genuss am Schluss so objektiv wie möglich nachvollziehen zu können, hilft ein Blick zurück: Welches Ziel, welches Geschmackserlebnis habe ich mir erhofft? Dabei hilft das Festlegen genauer Zielsetzungen vor der eigentlichen Behandlung.

Sobald die „Geschmacksrichtung“ und was im Idealfall zu erwarten ist klar formuliert sind, kann es an die Zubereitung gehen: das Hörtraining. Denn Hörgeräte alleine bieten so viel Genuss wie Kaffeebohnen oder Teeblätter mit kaltem, zu heißem, zu viel oder zu wenig Wasser. Es plätschert vor sich hin, bleibt unzufriedenstellend und schmeckt nicht. Ein durchdachtes Hörtraining hingegen orientiert sich an Bedarf und Zielen des Kunden und wird entsprechend „dosiert“. Und ist damit Voraussetzung für vollendeten (Hör-)Genuss. Denken Sie mal drüber nach, gerne bei einer Tasse Kaffee – oder Tee.

 

* Kevin Oppel lebt als gelernter Hörakustiker und Diplom-Betriebswirt (FH) seit fast 15 Jahren den praktischen und wissenschaftlichen Austausch zum Thema Hören, Tinnitus und ganzheitlicher Gehörrehabilitation. Sein Credo: „Lebensqualität ist dazugeHören!“ Sein Weg dorthin: Methodische Herangehensweise und jede Menge Erfahrungen aus der Praxis.

Hören ist wie Radfahren

Hören ist wie Radfahren

Hören ist wie Radfahren …

von Kevin Oppel, Hörakustiker und Experte rund ums bessere Verstehen *

…nur ohne Hinfallen.

„Das ist wie beim Radfahren – das verlernt man nicht.“ Und: „Übung macht den Meister!“
Zwei Aussprüche mit Aussagen, die wir als Adressat manchmal mit einem Zähneknirschen hinnehmen. Und letztlich – genau deshalb auch das Zähneknirschen – wahr sind. Dass wir so manche Tätigkeit, die wir schon länger nicht mehr ausgeübt haben, dennoch nach kurzer Zeit wieder beherrschen, ist erstmal eine tolle Sache. Der Weg dorthin, nämlich das Probieren, die Überwindung, sich wieder in den Sattel zu setzen, ist meist der größte (mentale) Stolperstein.
Und „Übung macht den Meister“? Von Haus aus sind wir nicht unbedingt die geduldigsten Wesen – gerade, wenn es um uns selbst geht. Das ist menschlich und genau deshalb wollen wir manchmal nicht viel davon wissen, dass wir üben, am Ball bleiben sollen. Nicht ganz, aber doch ähnlich verhält es sich mit unserem Gehör. Was viele nicht wissen: Hören und Verstehen kann trainiert werden.

Hören und Verstehen = Ohren und Gehirn

Hören ist ein komplexer Vorgang. Sinnbildlich denken wir immer zuerst an unsere Ohren, dabei findet Hören in seiner Ganzheit nicht nur dort, sondern auch im Gehirn statt. Das Ohr besteht aus Außenohr, Mittelohr und Innenohr. Die akustischen Signale werden vom Außenohr – der Ohrmuschel – aufgenommen und an das Mittelohr weitergeleitet. Dort findet über das Trommelfell eine Verstärkung statt und die Schallwellen werden in mechanische Reize umgewandelt. Mit Hammer, Amboss und Steigbügel folgen nach dem Trommelfell die kleinsten Knochen des Menschen. Der Hammer nimmt die Schwingungen des Trommelfells auf, setzt damit über den Amboss den Steigbügel in Bewegung. Mit der Gehörschnecke, einem spiralig gewundenen und mit einer wässrigen Flüssigkeit gefüllten Knochenraum, im Innenohr verbunden, presst der Steigbügel die Flüssigkeit zusammen. Es entsteht eine Wanderwelle, welche wiederum Reize auf die sich in der Gehörschnecke befindenden Haarzellen ausübt. Die an den Haarzellen anfallenden Reize werden in Nervenimpulse umgewandelt und an das Gehirn weitergeleitet. Dort treffen die Impulse auf den Hörfilter, welcher wichtige von unwichtigen Signalen trennt und so überhaupt das Verstehen als Grundlage guten Hörens ermöglicht. Erst dadurch können wir – selbst in geräuschvollen Umgebungen – entspannt Gesprächen folgen und empfinden die Fülle der Geräusche nicht als Lärm oder Überlastung..

Hörfilter: Nur 30 Prozent landen in bewusster Hörverarbeitung

Unser Gehirn besitzt die Fähigkeit, Informationen zu sortieren und zu filtern. Der Thalamus ist als Gehirnregion die Sammelstelle für Sinneseindrücke: Er wird deshalb gerne als „das Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet. Auch Hörinformationen werden gefiltert. Von den auf das Außenohr treffenden Signale werden rund 70 Prozent ausgefiltert, nur 30 Prozent der Hörinformationen erreichen die bewusste Hörverarbeitung. Das ermöglicht uns das sogenannte selektive Hören, selbst in geräuschvollen Umgebungen: Mit einem intakten Hörfilter können problemlos Unterhaltungen geführt werden, auch wenn es um uns herum sehr belebt zugeht. Gleichzeitig schützt die Filterfunktion auch vor zu viel akustischem Input, der einer Reizüberflutung gleichkäme. Bei einer Hörminderung leiden die Hörfilter und werden zurückgebildet. Das Gehirn versucht dann, das Defizit der Ohren zu kompensieren, indem einfach alles Gehörte weitergeleitet wird, ohne zu unterscheiden was wichtig oder unwichtig ist. Betroffene haben deshalb primär Probleme mit dem Verstehen in geräuschvoller Umgebung. Aus einer geselligen Runde wird schnell mehr Frust als Lust.

Vom Radfahren …

Nochmals kurz und bündig: Die Ohren sind für das Hören zuständig, das Verstehen ist Aufgabe des Gehirns. Hat das Gehirn als verarbeitender Teil unseres Gehörs also seit längerem keine einwandfreien Signale mehr von den Ohren bekommen, hat es neben der reduzierten Filterung verlernt, wie verschiedene Geräusche klingen. Man spricht dann von einer sogenannten Hörentwöhnung. Die bei einer Hörminderung nötig gewordenen Hörgeräte verstärken zwar die eintreffenden Schallwellen und lassen wieder wesentlich mehr Reize auf das Innenohr und somit auf den Hörfilter treffen. Dieser kann jedoch mit der Flut aus verstärkten Geräuschen nichts mehr anfangen und leitet alle Signale weiter. Die Folge: Alles ist zu laut und zu viel! Eigentlich unnötig, denn der Hörfilter kann regeneriert werden. Erinnern wir uns an das eingangs erwähnte „Das ist wie beim Radfahren – das verlernt man nicht“: Auch dort wird es nach gewisser Abstinenz auf den ersten Metern wackelig sein, die Bewegungen sind ungewohnt, selbst kürzere Strecken anstrengend und erstmal kein großes Vergnügen. Ähnlich verhält es sich mit unserem Gehör: Das Gehirn muss nach einer Hörentwöhnung wieder lernen, wie bestimmte Geräusche klingen und, um eine akustische Reizüberflutung zu vermeiden, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

…und Üben

„Übung macht den Meister“: Eine gezielte Gehörtherapie trainiert und reaktiviert die Hörfilter: Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass sich das Üben in Sachen Gehör bereits nach wenigen Tagen auszahlt und wichtige Töne wieder wesentlich besser von den für die jeweilige Situation unwichtigen Geräuschen getrennt werden. Der Aufwand dafür: etwa 30 bis 60 Minuten pro Tag für erfahrungsgemäß zwei bis drei Wochen. Ein Zeitraum, in dem beim wiedererlernten Radfahren noch der regelmäßige Muskelkater quälen dürfte – trotz aller Übung.

Kevin Oppel

lebt als gelernter Hörakustiker und Diplom-Betriebswirt (FH) seit fast 15 Jahren den praktischen und wissenschaftlichen Austausch zum Thema Hören, Tinnitus und ganzheitlicher Gehörrehabilitation. Sein Credo: „(Dazuge-)Hören ist Lebensqualität!“ Sein Weg dorthin: Methodische Herangehensweise und jede Menge Erfahrungen aus der Praxis.

Wie holt man das Maximum aus seinen Hörgeräten?

Wie holt man das Maximum aus seinen Hörgeräten?

Wie holt man das Maximum aus seinen Hörgeräten heraus?

Besser verstehen statt nur mehr hören

Ein Tipp von Kevin Oppel, Hörakustiker und Experte rund ums bessere Verstehen

Sie tragen Hörgeräte und haben das Gefühl „Da muss doch noch was gehen“? Den Anspruch, das Maximum aus Ihren Hörgeräten herauszuholen? Das zeugt von Ehrgeiz und ist eine der besten Voraussetzungen – Ihr Gehör kann nämlich trainiert werden. So viel schon vorab. Was Sie nicht wissen, ist, wo das Maximum liegt beziehungsweise ob es eventuell doch schon erreicht ist? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Einerseits ergeht es vielen anderen Hörgeräteträgern genau wie Ihnen. Und andererseits gibt es Leute wie mich, die Sie bei der Entdeckung Ihres Hörpotentials gerne unterstützen.

Subjektives und objektives Maximum

Die Basis bildet Ihre ganz persönliche Definition von „Maximum“. Diese Einordnung ist subjektiv, getrieben von verschiedenen bewussten sowie unterbewussten Faktoren und bedarf einer Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der ganz persönlichen Erwartungshaltung: „Welche Ansprüche habe ich und sind diese zu meiner vollsten Zufriedenheit durch die Hörgeräteversorgung erfüllt?“ Oftmals ist es aber so, dass das subjektive Maximum weit unter dem liegt, was mit einer Hörgeräteversorgung erreicht werden könnte. Dafür braucht es Experten, die Orientierung bieten und das objektive Maximum bewerten können.

Erwartungen und der Ruf nach der „eierlegenden Wollmilchsau“

Die Liste verschiedenster Anforderungen, Erwartungen und Ansprüche heutiger Hörgeräteträger ist lang: Ein ganztägiges bequemes Tragen steht bei vielen ganz oben. Einen Punkt, den ich sofort unterschreibe – denn nur wenn die Hörhilfen den ganzen Tag im Ohr bleiben, kann das Gehör (in Verbindung mit gezieltem Training) überhaupt lernen, damit richtig umzugehen. Außerdem wünschen sich viele möglichst unsichtbare Geräte. Ein optimales Sprachverstehen in Ruhe und bei Störgeräuschen, am besten ohne unerwünschte hörbare Nebengeräusche. Weiter eine natürliche Klangqualität sowie umfangreiche Einstellmöglichkeiten auf den individuellen Hörverlust. Und nicht zuletzt eine einfache Handhabung. Allesamt für sich nachvollziehbare Ansprüche und Erwartungen, alle miteinander der Ruf nach der bekannten „eierlegenden Wollmilchsau“. Ob Hörgeräte alleine das wirklich alles leisten können?

Vom Hören und Verstehen

Betrachtet man Hören und Verstehen physiologisch, lautet die Antwort klar „Nein“. Warum? Die Ohren sind für das Hören zuständig, das Verstehen ist Aufgabe des Gehirns. Hörgeräte sorgen lediglich dafür, dass alles Gehörte wieder in korrekter Lautstärke überhaupt bis zum Gehirn weitergeleitet wird. Das Gehirn interpretiert das Gehörte, gibt ihm einen Sinn und ermöglicht das Verstehen. Hörgeräte gleichen demnach nur das Defizit der Ohren aus, nicht das Defizit des Gehirns. Oder anders gesagt: Hörgeräte sind keine Verstehgeräte! „Aber“ gerade deshalb ist es bei einer Erstversorgung mit Hörgeräten grundlegend, ein Hörtraining mit in die Hörgeräteanpassung einzubeziehen. Weil nicht die Ohren oder die Hörgeräte Schwierigkeiten verursachen beziehungsweise das genannte Maximum festlegen, sondern das Gehirn.

Verstehen trainieren

Hat das Gehirn als verarbeitender Teil unseres Gehörs seit längerem keine einwandfreien Signale mehr von den Ohren bekommen, hat es verlernt, wie verschiedene Geräusche klingen. Man spricht auch von einer sogenannten Hörentwöhnung. Vielleicht kennen Sie es aus eigener Erfahrung: Beim ersten Einsetzen von Hörgeräten ist alles erstmal laut oder viel. Das Gehirn muss wieder lernen, wie bestimmte Geräusche klingen und, um eine akustische Reizüberflutung zu vermeiden, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Gezieltes Hörtraining und Übungseinheiten bilden daher den Hauptbestandteil einer bestmöglichen, weil ganzheitlichen, Gehör-Rehabilitation.

Die Hörfilter auf dem Weg zum persönlichen Maximum

Um Wichtiges (z. B. Telefonklingen) von Unwichtigem (z. B. die eigenen Körpergeräusche) herauszufiltern, sitzen in unserem Gehirn sogenannte Hörfilter. Sie sind essentiell für das menschliche Hör- und vor allem Versteh-Erleben. Bei einem Hörverlust leiden diese Hörfilter und werden zurückgebildet. Deshalb hören Schwerhörige auch alle Geräusche gleichermaßen gut – beziehungsweise eben schlecht. Das Gehirn versucht so, das Defizit der Ohren zu kompensieren indem einfach alles Gehörte weitergeleitet wird, ohne zu unterscheiden was wichtig oder unwichtig ist. Da wird aus einer geselligen Runde dann schonmal mehr Frust als Lust. Für eine gute Hörgeräteversorgung ist es deshalb von grundlegender Bedeutung, den Hörverlust ganzheitlich zu versorgen und die Hörfilter im Gehirn für ein besseres Verstehen selbst bei Nebengeräuschen zu reaktivieren. Erfahrungsgemäß werden dadurch sowohl der Nutzen als auch die technischen Raffinessen von Hörgeräten für den Betroffenen erst in vollem Maß zugänglich. Und somit das persönliche Maximum hör- beziehungsweise erlebbar!

Kevin Oppel

lebt als gelernter Hörakustiker und Diplom-Betriebswirt (FH) seit fast 15 Jahren den praktischen und wissenschaftlichen Austausch zum Thema Hören, Tinnitus und ganzheitlicher Gehörrehabilitation. Sein Credo: „(Dazuge-)Hören ist Lebensqualität!“ Sein Weg dorthin: Methodische Herangehensweise und jede Menge Erfahrungen aus der Praxis.

terzo®Gehörtraining goes digital

terzo®Gehörtraining goes digital

terzo®Gehörtraining goes digital

Digitales Hörtraining steigert Bedienkomfort und Kundeninteresse

Smartphone und Tablet sind längst Massenmedien, und das nicht nur in der jüngsten Generation. Laut Studie der Initiative „D21“ wächst auch und besonders der Nutzungsanteil der Senioren. Ein weiterer Trend: Gesundheits-Apps – die Zahl der Anwender steigt stetig an. terzo bringt mit dem neuartigen digitalen Hörtraining beide Trends zusammen. Neben gesteigertem Bedienkomfort für Kunden und Akustiker verspricht die digitale Variante zusätzlich ein Plus an Übungselementen. Die zahlreichen Trainings- und Auswertungsmöglichkeiten ermöglichen außerdem eine noch einfachere, individuelle Hörgeräteanpassung durch den Akustiker.

Vom CD-Player zur Tablet-App
Die terzo®Gehörtherapie wird seit 2006 in terzo-zertifizierten Akustik-Fachgeschäften bei der Hörgeräteversorgung angewendet. Ursprünglich wurde sie als Paper-Pencil Version mit CD-Player, Trainings-CD und Trainingshandbuch entwickelt und wurde so bisher von circa 90.000 Hörbeein-trächtigten durchgeführt. Im Zuge der Digitalisierung wurden die bestehenden Übungsaufgaben in eine Applikation (App) für Tablets übertragen und sinnvoll erweitert beziehungsweise modifiziert. „Unser Ziel war ein intuitives und spielerisches Handling der Anwendung im Allgemeinen sowie der einzelnen Übungen im Speziellen“, erklärt dazu Dr. Juliane Dettling-Papargyris, wissenschaftliche Leiterin des terzo-Instituts für angewandte Gehörforschung und maßgeblich am Entwicklungsprozess des digitalen Hörtrainings beteiligt. Das intuitive, spielerische Layout unterstützt den Kunden außerdem in seiner intrinsischen Motivation. Um einen „cognitive overload“ zu vermeiden, wurde das digitale Gehörtraining von terzo trotz seiner vielfältigen Möglich-keiten grafisch und nutzerfreundlich clean gehalten.

Digital kommt – ganzheitlicher, kognitiver Ansatz bleibt
Der Fokus der terzo®Gehörtherapie zielt auch digital in vollem Maß auf die Reaktivierung der natürlichen Hörfilter und setzt so beim Hauptbedürfnis schwerhöriger Menschen im Alltag, nämlich dem Verstehen im Störlärm, an. Dass ein Hörverlust nicht allein auf die Peripherie beschränkt bleibt, sondern in allen Stationen der Hörbahn, auch im Gehirn, entstehen kann, ist längst bekannt. Deshalb ist die ganzheitliche Versorgung eines Hörverlustes für eine optimale und zufriedenstellende Hörgeräteanpassung (sowohl für Kunden als auch den Akustiker) essenziell.

Steuerung durch den Akustiker
Die terzo®Gehörtherapie-App wird ausschließlich über ein eigens dafür eingerichtetes Tablet abgespielt und ist exklusiv über terzo-Akustiker erhältlich. Für Akustiker öffnet die zeitgemäße und attraktive digitale Variante neben einem Betreuungs¬plus auch die Tür zu jüngerer Klientel – Hörschädigungen sind keine (zwangsläufige) Frage des Alters. Nutzer, also betroffene Kunden, profitieren von modernen Übungsmethoden und sind mobil in der Anwendung – mehr als das Trainingstablet und der angebundene Bluetooth-Lautsprecher sind zur Durchführung nicht nötig. Der Akustiker schaltet die Trainingseinheiten frei und erhält einen Überblick zum Trainingsfortschritt des Kunden.

Digitales Hörtraining läuft zusätzlich zur klassischen Variante
„Wir sind uns bei aller Attraktivität digitaler Anwendungen natürlich bewusst, dass ein digitales Training nicht immer und für jeden Kunden das Allheilmittel ist. Deshalb bleibt die Paper-Pencil-Variante mit CD-Player und Trainingshandbuch bei Terzo auch weiterhin zusätzlich im Portfolio“, erläutert Dr. Dettling-Papargyris. Und weiter: „Wissenschaftlich betrachtet wird es Kunden geben, die durch die Paper-Pencil-Variante stärker profitieren“. Vor allem der Bestandteil des handschriftlichen Schreibens fördert laut Forschungserkenntnissen die kognitiven Fähigkeiten – und folgt damit der Philosophie der terzo®Gehörtherapie: Hirnareale bestmöglich im Verlauf des Trainings zu stimulieren und zu aktivieren. Aus diesem Grund bleibt diese seit fast 15 Jahren bewährte Variante auch in Zukunft bestehen und steht terzo-Kunden weiterhin neben dem appbasierten Hörtraining zur Verfügung.

Masken – Segen für die Gesundheit, Übel zum Verstehen

Masken – Segen für die Gesundheit, Übel zum Verstehen

Fehlendes Mundbild in der Kommunikation

Wir machen es nicht bewusst, aber dennoch nehmen wir kontinuierlich die Gesichtsregungen unseres Gesprächsgegenübers auf – und bewerten diese. Bedecken wir große Teile des Gesichts, etwa wie beim Gebrauch einer Mund-Nasen-Bedeckung, sehen wir nur noch die Augen und nahezu alle weiteren Gesichtsregungen, die unsere Mimik ausmachen und Emotionen transportieren, entfallen. Es wird ungleich schwieriger, sein Gegenüber dann zu verstehen und einzuschätzen.

Corona hat das Leben aller Menschen auf verschiedenste Weise beeinflusst und auf den Kopf gestellt – und stellt es noch immer. Soziale Bedürfnisse, wie der Wunsch nach Kommunikation, Kontakt und Gemeinschaft, wurden zum Schutz aller im Frühjahr auf ein Minimum heruntergefahren: Social distancing – eine ganz besondere, bislang ungekannte Herausforderung. Abstandsregeln sowie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in öffentlichen Räumen stellen uns vor Herausforderungen, die den meisten bisher vielleicht gar nicht bewusst waren: Denn unsere Kommunikation wird durch die Maske massiv erschwert.

Lippenbild für funktionierende Kommunikation
Für Menschen mit Hördefizit äußert sich das fehlende Mundbild besonders drastisch – es wird fast unmöglich, den anderen zu verstehen. Hörgeschädigte sind auf das Lippenbild angewiesen – unabhängig davon, ob sie bereits mit Hörgeräten versorgt sind oder (noch) nicht. Für sie verändert sich das soziale Leben und Miteinander durch die Maskenpflicht demnach noch viel tiefgreifender als für „normal Hörende“. Und: Ihre Kommunikation wird zusätzlich erschwert. Nach einigen Wochen fanden sich vereinzelt Masken mit Sichtfenster im Mundbereich – eine Erleichterung, aber längst keine nachhaltige Lösung (für Menschen mit behandelbarer Hörminderung).

Dämpfung um fast 12 dB durch FFP2-Maske
Eine kürzlich publizierte Studie [1] zeigt, dass eine Maske wie ein Sprachfilter wirkt: Töne und Sprache werden beeinträchtigt, das Hören und Verstehen komplexer bis unmöglich. Eine herkömmliche medizinische Maske reduziert die hohen Frequenzen (2 kHz bis 7 kHz) um 3 bis 4 Dezibel (dB), eine N95- bzw. FFP2-Maske sogar um fast 12 dB – das entspricht ungefähr dem Rascheln von trockenem Laub, durch das man läuft. Die in vielen Geschäften als ergänzende Schutzmaßnahme aufgestellten Plexiglaswände minimieren das Hören und Verstehen durch die Schalldämpfung zusätzlich.

Für den einen Hürde, für den anderen Vorwand?
Für Schwerhörige stellen diese Maßnahmen eine hohe Hürde in ihrer täglichen Kommunikationsfähigkeit dar. Für manch anderen mag es den idealen Vorwand bieten, sein eigenes schlechtes Hören zu rechtfertigen – wer gibt schon gerne zu, dass er nicht mehr gut hört?

Tabu Schwerhörigkeit?
Schwerhörigkeit wird auch in unserer modernen Gesellschaft noch immer tabuisiert oder stigmatisiert. Ein möglicher Ursprung dafür lässt sich im Sprachlichen finden: Das Wort „taub“ entstammt dem althochdeutschen Wort „tumb“. Wer schwer hört, sei also dumm.

Und tatsächlich lässt sich ein Hörverlust noch relativ lange nach Bemerken/Auftreten kompensieren, indem Betroffene zur Unterstützung des Verstehens das Mundbild lesen. Mit einem Schlag – Corona – entfällt dieses Kompensationsmittel komplett.

Ursachensuche – Maske oder Gehör?
Liegt das schlechte Verstehen nun wirklich an den schalldämpfenden Masken und Plexiglaswänden? Im Fall von Unsicherheit empfiehlt sich eine Überprüfung des Gehörs durch HNO-Arzt und/oder Hörakustiker. Der geht der Ursache – Masken und Plexiglaswände oder doch ein nachlassendes Gehör – auf den Grund und schafft Gewissheit. Stellt sich ein nachlassendes Gehör als Ursache heraus, helfen Hörgeräte, um die vorhandenen Defizite auszugleichen und trotz Maskenpflicht wieder eine gut funktionierende und freudvolle Kommunikation möglich zu machen.

Hörgeräteträger, die unter den Corona-Bedingungen Schwierigkeiten haben, sollten ihre Hörgeräteeinstellung überprüfen und gegebenenfalls anpassen lassen.

Aufgehorcht: Ohr= Hören, Gehirn = Verstehen
Hörgeräte versorgen nur die Schädigung der Ohren, also das Hören. Für das Verstehen ist aber das Gehirn zuständig. Und dieses muss für ein wirklich zufriedenstellendes Ergebnis unbedingt durch ein in die Hörgeräteversorgung eingebundenes Hörtraining mitversorgt werden. Achten Sie nach Möglichkeit bereits vor Besuch eines Akustikers darauf, dass begleitend zur Hörgeräteversorgung ein Hörtraining als konzeptioneller Bestandteil angeboten und durchgeführt wird. Dann steht einer freudvollen Kommunikation (fast) nichts mehr im Wege.

[1] Goldin A, Weinstein BE, Shiman N. How do medical masks degrade speech perception? Hearing Review. 2020;27(5):8-9.

Hörtherapie: Fundierte Hilfe auf dem Weg zu besserem Hören

Hörtherapie: Fundierte Hilfe auf dem Weg zu besserem Hören

Warum eine Hörtherapie im Rahmen der Hörgeräteversorgung längst Standard sein sollte.

Hörtherapie oder Hörtraining – das ist kein Hype, kein Trend, keine Neuentdeckung der letzten Jahre. Vielmehr hat sich der Einsatz dieser über Jahre hinweg bewährt und stetig weiterentwickelt. Die Anfänge gehen zurück bis ins Jahr 1959, als Wissenschaftler erste Erfahrungen mit einem Hörtraining in einem Buch beschrieben. Terzo entwickelte 2006 als eine der Ersten ein wissenschaftlich fundiertes Hörtraining und machte es für Hörgeschädigte generell zugänglich. Heute, 14 Jahre später, scheint der Markt förmlich überschwemmt von vermeintlichen Trainingsangeboten für besseres Hören. Kein Wunder: Die positiven Effekte von Hörtrainings-Maßnahmen sind grundsätzlich unbestritten, werden durch wissenschaftliche Studien verstärkt belegt.

Für Hörgeschädigte stellt sich neben der Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit eines solchen Trainings zu Beginn auch die Frage: Ist es das wert? Brauche ich das wirklich? Geht’s nicht auch ohne? Und wie teuer lässt sich der Akustiker das bezahlen? Denn zum Verschenken hat schließlich keiner etwas – weder Zeit (für den Trainingsaufwand) noch Geld (an den Akustiker). Um mit einem Gedanken gleich vorweg und offensiv aufzuräumen: Hörtraining ist kein sinnfreies Marketingtool. Es mag sein, dass es unter Hörakustikern (leider) solche schwarzen Schafe gibt, die mit allen Mitteln um neue Kunden werben, aber nicht jeder Akustiker, der eine Hörtherapie anbietet, verfolgt damit solch unehrbare Ziele.

Ein Großteil der Akustiker hat vielmehr verstanden, dass ein Hörverlust für eine zufriedenstellende Hörgeräteversorgung ganzheitlich versorgt werden muss. Und hier der gezielte, zeitlich begrenzte Rahmen der Hörtherapie effektiv und schnell zum Ziel führt. In der Praxis bedeutet das: Hörgeräte für die Ohren und Hörtraining für das Gehirn als fundierte Therapiemaßnahme. Stets im Mittelpunkt: Der Kunde und dessen bestmögliches Verstehen.

Hörgeräte werden technisch immer raffinierter und smarter. Trotz Ausstattung mit künstlicher Intelligenz machen sie den Hörgeräteträger nicht automatisch zufriedener – wo bleibt dann der technische Fortschritt beziehungsweise warum wirkt er nicht wie gewünscht? Die Erfahrung (sowie inzwischen auch wissenschaftliche Untersuchungen) zeigt, dass Hörgeräte allein in den meisten Fällen nicht ausreichen, um den Hörverlust auf allen Ebenen ideal auszugleichen. Vor allem das Verstehen eines oder mehrerer Sprecher in geräuschvollen Umgebungen gilt noch immer als eine der „Königsdisziplinen“, wo Hörgeräte alleine – trotz bester Technik – an ihre Grenzen stoßen. Denn die Entscheidung, wem der Hörgeräteträger zuhören möchte, kann kein noch so gutes Hörgerät übernehmen. Diese Entscheidung trifft einzig und allein das Gehirn. Genau hier kommt das Hörtraining ins Spiel: Denn diese Funktion muss im Zuge einer Hörgeräteanpassung mitbedacht, meist rehabilitiert werden. Dann wird die Hörgeräteanpassung auch nicht zum Frust, sondern zur Lust – beim Betroffenen wie beim Akustiker.

Die einen so, die anderen so?

Dass noch immer zahlreiche Hörgeräte ohne Hörtraining angepasst werden, schafft Skepsis. Geht es doch ohne genauso gut? „Nichts Genaues weiß man nicht“, verkündet der Volksmund und der muss es ja wissen. Oder? Weil die Wirk- und Vorgehensweise sowie manche Zusammenhänge oft nicht klar sind, begibt man sich selbst auf Spurensuche – Dr. Google lässt grüßen, Halb- oder Unwahrheiten leider inklusive … Fundiert klappt es letztlich nur aus erster Hand, beim Hörakustiker (mit Hörtrainingsangebot). Der erklärt Nutzen und Ablauf des Trainings, einzelne Schritte und Vorteile auf dem Weg hin zu besserem Hören – und zwar vor der eigentlichen Hörgeräteanpassung.